Melanelle Beryl Hémêfa
EP·02
Voices
Interview

MelanelleBerylHémêfa

Autorin · Poetin · Speakerin · Beraterin

Episode

Meine Arbeit beginnt, wo Worte fehlen

Mai 202510 min LesezeitSprache & Transformation
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Voices/Melanelle Beryl Hémêfa

Melanelle Beryl Hémêfa ist Autorin, Poetin, Speakerin und Beraterin. Im Gespräch mit Rania, Gründerin von Visible.Voices, erzählt sie von dem Moment, in dem ein Gebet zur Poesie wurde - und warum das weiße Blatt Papier ihr sicherster Ort ist.

Melanelle Beryl Hémêfa - Meine Arbeit beginnt, wo Worte fehlen

Was ist Sichtbarkeit?

Liebe Melanelle, was ist Sichtbarkeit?

Sichtbarkeit ist der Moment, in dem du vom Schatten in das Licht wandelst und andere Menschen dazu inspirierst, ihr Licht auch scheinen zu lassen. Der Moment, in dem du vulnerable wirst - und damit andere ermutigst, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Weil wir einander brauchen.

Mein Name ist Melanelle Beryl Hémêfa. Ich bin Autorin, Poetin, Speakerin und Beraterin. Meine Arbeit beginnt da, wo Worte fehlen. Ich glaube daran, dass Worte neue Wirklichkeiten schaffen - und Leben verändern.

„Sichtbarkeit ist der Moment, in dem du vom Schatten ins Licht wandelst - und andere inspirierst, ihr Licht auch scheinen zu lassen."

Schwarze Haut auf weißem Boden

Was war der Moment, wo du selbst keine Worte mehr hattest - und was ist daraus entstanden?

Juni 2020. George Floyd. Jemanden sterben zu sehen, der hätte dein Bruder sein können - aufgrund seiner Hautfarbe. Das hat mich komplett aus der Bahn geworfen. Ich bin ins Bad, habe zu Gott gebetet: „Deine Kinder sterben hier - siehst du uns nicht?" Die Antwort: „Schreib."

So ist „Schwarze Haut auf weißem Boden" entstanden - performt bei der Black Lives Matter Demo. Der Moment, in dem ich realisierte: Ich habe eine Gabe. Und ich muss sie aussprechen.

„Die Antwort, die ich bekam, war: ‚Schreib.' Poesie hat mein Leben gerettet - und ich möchte alles daran setzen, auch andere Leben zu retten."

Sprache als Macht

Sprache kann heilen - aber auch ausschließen. Wann hast du ihre Macht gespürt?

Schon als Kind - eingewandert, immer wieder darauf verwiesen, nicht die richtige Sprache zu sprechen. Durch Schreiben habe ich mir meine Macht zurückgeholt. Auf dem weißen Blatt hatte ich das Recht, mich neu zu definieren. Meine große Liebe ist das weiße Blatt Papier - weil ich da gestalten kann.

Das möchte ich weitergeben - an alle, die intersektionale Erfahrungen machen. Ich möchte ihnen zeigen: Du bist viel mehr als diese Diskriminierungsformen. Du darfst so sein, wie du bist.

In Organisationen

Was spürst du in einem Raum, bevor es jemand ausgesprochen hat?

Ich kann Räume sehr gut lesen. Der wichtigste erste Schritt ist das Gespräch. Meistens - das ist das Witzige an Kommunikation - können Menschen nicht benennen, wo sie stehen. Das zeigt sich erst im Prozess. Dann treffe ich sie dort, wo sie sind, gebe Input und begleite sie dahin, wo sie möchten.

Sicherheit

Über dir schwebt ein Begriff: Sicherheit. Was bedeutet das für dich?

Sicherheit ist mein A und mein O - und manchmal eine Illusion. In dieser Mitte sich zu bewegen: Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Dieses Gehört-Werden, Gesehen-Werden, Gehalten-Werden. Und gleichzeitig wissen: das Leben ist Bewegung. Diese Biegung fühlt sich unangenehm an - aber sie ist notwendig. Das ist für mich Sicherheit: die Balance zwischen Wackeln und Stehen.

„Das Leben ist Bewegung - und in dieser Wandlung darfst du dich ein bisschen biegen lassen. Das ist Sicherheit: die Balance zwischen Wackeln und Stehen."

Intersektionalität

Du hast Intersektionalität im Nebensatz erwähnt - was bedeutet das?

Intersektionalität - ein Begriff von Kimberly Crenshaw - beschreibt, wie mehrere Diskriminierungsformen gleichzeitig wirken. Nicht entweder Rassismus oder Sexismus, sondern beides im selben Moment. Grada Kilumba hat es so erlebt: beim Arzt als Klientin - und trotzdem als potenzielle Bedienstete angesprochen. So entstehen Momente, in denen Menschen zurückgelassen werden und gar nicht benennen können, was gerade passiert ist.

Wir reden viel über Diversität - aber es geht nicht nur um Repräsentation. Kommen alle mit ihren Rollstühlen in jeden Raum? Wer trifft Entscheidungen? Es geht um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung.

Was motiviert sie

Was motiviert dich Tag für Tag?

Die Person, die ich als kleines Kind war - sie würde alles geben für Räume, in denen sie gesehen wird. Und meine Eltern: eingewandert, mutig, eine neue Sprache gelernt, Kinder erzogen. Absolute Heldinnen. Für sie stehe ich täglich auf.

Was mich stabil hält: Spirituell - beten, das ist mein sicherer Ort. Sozial - ein Netzwerk an Freunden und Familie. Emotional - Journaling, das weiße Blatt. Mental - Therapie wenn nötig, lesen, informieren. Alles, was du nicht weißt, kann dich nicht schützen. Und Sport. I'm trying. (lacht)

„Meine Motivation ist die Person, die ich als kleines Kind war - sie würde alles geben für Räume, in denen sie gesehen und gehalten wird."

Das Geheimnis

Was weiß kein Mensch über dich?

(lacht) Ich hasse Schokolade. Es bewegt mich nicht - außer Kekse sind darin. Dann kurz: Ooh! Aber sonst: nee.

Also mehr Schokolade für mich. Das lassen wir so stehen.

Was bleibt

Wenn du diese Welt verlässt - was hinterlässt du?

Eine geliebte und gesegnete Familie. Bücher - in denen Menschen sich sehen, gehalten und geliebt werden, in denen sie eingeschrieben sind. Und Orte, die dafür kreiert wurden, dass Menschen sich sicher fühlen und Kreativität leben können.

Du bist nicht umsonst meine Episode 02 - denn ohne dich gäbe es mich nicht. Auf mehr Sichtbarkeit.

Auf mehr Sichtbarkeit. Let's get visible.

„Ich hinterlasse Bücher, in denen Menschen sich sehen, gehalten und geliebt werden - und Orte, in denen Kreativität leben kann."