Melanie Wendling
EP·03
Voices
Interview · Gesundheitswesen

MelanieWendling

Gesundheitswesen · Ex-BVITG

Episode

Dasein wenn's drauf ankommt

Mai 20268 min LesezeitGesundheitswesen & Netzwerk
Voices/Melanie Wendling

51 Jahre, 20 Jahre Gesundheitswesen, ein zehnjähriger Sohn - und trotzdem am liebsten im Hintergrund. Ein Gespräch über stille Netzwerke, mutige Reformen, verschiedene Kommunikationssprachen und die ganz persönliche Frage: Was bedeutet eigentlich Glück?

Melanie Wendling - Dasein wenn's drauf ankommt

Was ist Sichtbarkeit?

Melanie, ich starte meine Visibles immer mit der Frage: Was ist Sichtbarkeit für dich?

Definitiv etwas anderes als für dich. Für mich ist Sichtbarkeit: Ich bin sichtbar, wenn es verlangt wird. Im Beruflichen kannst du den Knopf anschalten, dann bin ich da. Im Privaten weiß ich selber, wann der Knopf angeschaltet werden muss. Aber das ist für mich Sichtbarkeit - da sein, wenn es darauf ankommt.

Du unterscheidest bei Sichtbarkeit zwischen privat und beruflich - kannst du das kurz erklären?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe Jobs in den letzten Jahren gehabt, wo verlangt wird, dass ich auf Bühnen stehe, Interviews gebe, mit der Presse rede. Das ist für mich dann sichtbar - Klopf an und das Zirkuspferd ist in der Manege und macht, was verlangt wird. Im Privaten ist das völlig anders. Da bin ich ehrlich gesagt lieber unsichtbar. Mir geht es fast nie um mich. Ich bin total lieber im Hintergrund.

Wenn es aber darauf ankommt - wenn ich zum Beispiel auf Partys bin - dann bin ich natürlich diejenige, die guckt, dass die Party läuft. Aber das ist eher aus einer Verpflichtung raus. Und bei Freunden: die wissen, wenn sie mich brauchen, können sie mich anrufen. Aber ich dränge mich nicht auf.

„Sichtbarkeit ist für mich Pflicht. Kein Privileg, kein Glück, keine Frage des richtigen Netzwerks. Sichtbarkeit ist für mich Recht."

Wer ist Melanie Wendling?

Du hast jetzt schon angefangen, über dich zu erzählen - wer ist Melanie Wendling?

Melanie Wendling ist 51, hat einen zehnjährigen Sohn, ist seit 20 Jahren im Gesundheitswesen unterwegs - und das andere ist ein Privatmensch.

Was machst du gerade beruflich - was willst du verraten?

Im Moment: gesund werden. Mich hat es ziemlich heftig niedergehauen mit einer Nasennebenhöhlenentzündung. Was ich beruflich mache, werde ich noch nicht sagen - ehrlich gesagt, weil ich es auch noch nicht genau weiß. Es gibt verschiedene Optionen. Manche werden sich mit Sicherheit zerschlagen.

Ich komme ja eigentlich aus dem Journalismus. Bin dann über verschiedene Positionen im Gesundheitswesen geblieben - SGB V, SGB VII. Ich war in der Verwaltung, im Ministerium, in der freien Wirtschaft. Wohin es mich im Moment zieht, kann ich noch nicht genau sagen. Ich weiß, dass es nicht immer nur darum geht, dass es einem Spaß macht - ich muss am Ende auch Geld verdienen. Manchmal hat man Glück und beides kommt zusammen. Das ist die Idealsituation.

Gesundheitswesen & Reformmut

Glaubst du, wir haben noch eine Chance, das deutsche Gesundheitswesen zu retten?

Wenn ich hoffnungslos wäre - das ist auch nicht den Menschen angelegt. Natürlich gibt es eine Chance, gar keine Frage. Nur: Eine meiner ersten Kolumnen befasste sich mit dem Thema Mut. Und genau das ist es. Man kann Reformen machen, aber man wird wahnsinnig viel Mut brauchen, weil jeder, der irgendwie betroffen ist, sofort schreien wird.

Ich habe es wirklich selber erlebt, wie brutal die Reaktionen sein können. Jeder Bereich hat seine Mittel, Politik unter Druck zu setzen. Aber wenn man nicht durchzieht, wird es nichts. Es liegt nicht daran, dass zu wenig Geld im deutschen Gesundheitswesen ist - beileibe nicht. Es liegt daran, dass es immer noch nicht da ankommt, wo es ankommen muss.

Wenn du sagst Mut - wo müssen Politiker mutiger sein?

Man kann eigentlich nur mutig sein, wenn man nichts mehr vorhaben im Leben hat. Mit einer Gesundheitsreform wird man kein beliebter Politiker sein. Man braucht wirklich ein total breites Rückgrat und eine „leck mich, mir ist alles egal"-Haltung. Und die kann man nur haben, wenn man nichts mehr werden will.

Haben wir da welche? In der aktuellen Politik?

(Pause) In der aktuellen Politik sehe ich es nicht.

„Man braucht ein total breites Rückgrat und eine 'mir ist alles egal'-Haltung. Die kann man nur haben, wenn man nichts mehr werden will."

Stille Verbindungen

Was dich ja ausmacht, ist ein unfassbares Netzwerk. Siehst du das selbst?

Ja, das sehe ich. Das merke ich auch jetzt. Das ist tatsächlich was, was ich immer sehr gepflegt habe. Netzwerkpflege ist so, dass man auch investieren muss. Und dass man selber verlässlich sein muss. Was man gibt, kommt am Ende zurück.

Aber mein Netzwerk ist - ich würde sagen - ein stilles Netzwerk. Ich war nie diejenige, die sich groß bei LinkedIn dargestellt hat: „Fragt mich, wenn ihr was wissen wollt." Das ist überhaupt nicht mein Stil. Wenn ich Leute was fragen möchte, dann kann ich das. Aber das ist im gegenseitigen Einverständnis - wir posten es nicht über LinkedIn. Und ich glaube, das ist eine Art von Netzwerk, die sehr wertvoll und sehr wertschätzend ist.

Was rätst du nachfolgenden Generationen - wie pflegt man das richtige Netzwerk?

Ich weiß nicht, ob ich da einen Rat geben kann. Ich komme aus einer anderen Welt. Als ich bei Ulla Schmidt gearbeitet hatte, hatten wir einen Fax im Auto. Es gab noch keine Smartphones. Man hat über Briefe kommuniziert. Das ist etwas völlig anderes.

Mir ist es im Moment ehrlich gesagt ein bisschen zu viel privat auf LinkedIn. Wenn Leute immer so von sich erzählen und anfangen - ich denke dann: hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben. Manchmal muss man einfach auch die Klappe halten. (lacht) Aber ich kritisiere das nicht - ihr sprecht eine andere Sprache und sprecht damit auch andere Menschen an. Das ist gut so.

Die Botschaft ist die Schnittstelle

Verschiedene Generationen kommunizieren auf verschiedene Weisen - jeder im eigenen Silo. Wo ist die Schnittstelle?

Die Botschaft ist die Schnittstelle. Das Silo ist völlig egal. Und da müssen große Unternehmen und Verbände überlegen: Wen wollen sie ansprechen? Nicht alle im gleichen Format.

Die Botschaft muss immer gleich sein - aber das Format kann anders sein. Wie kann ich eine Botschaft fünfmal in fünf verschiedene Formate verpacken? Das machen die wenigsten, weil man sozialisiert ist auf: „Wir schicken jetzt eine Pressemitteilung raus." Ich habe noch nie gesehen, dass ein Verband ein Kurzvideo rausschickt. Vielleicht muss man über sowas mal nachdenken.

Die Deutsche Bahn ist ein gutes Beispiel - die macht auf Instagram ihre Werbefilmchen. Aber so kannst du natürlich nicht kommunizieren, wenn du einem Politiker gegenüber sitzt. Es gibt nicht mehr die eine Sprache. Es gibt eine Botschaft - die ja - aber du kannst sie nicht immer in der gleichen Sprache verteilen, weil sie dann einfach nicht ankommt.

„Die Botschaft ist die Schnittstelle. Das Silo ist völlig egal. Es gibt nicht mehr die eine Sprache - aber es gibt eine Botschaft."

Was motiviert dich?

Welche Themen treiben dich gerade? Was sind deine Treiber?

Eines, das eigentlich nichts mit dem Job zu tun hat - und das auch plakativ klingt, aber ich frage es mir wirklich oft: Wie bekommt man es hin, dass man selber ein glückliches Leben hat? Für andere versucht man es immer. Für Kinder versucht man, ein glückliches Leben zu sichern. Aber was bedeutet mir selber eigentlich Glück?

Ich gucke jetzt mal, wie die Menschen um mich rum leben. Was macht glückliche Menschen aus? Gibt es überhaupt glückliche Menschen in meinem Umfeld? Tolstoi hatte ja diesen ersten Satz in Anna Karenina: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, alle unglücklichen sind in ihrem Unglück verschieden." Das interessiert mich - was macht Glück im Leben wirklich aus?

Ansonsten: meine Treiber waren immer Wissensdurst. Ich war immer wahnsinnig an allem interessiert. Deswegen bin ich Journalistin geworden - weil ich mich gerne in Themen einfuchse, gerne Fragen stelle. Ich habe gerne Aha-Momente. Das Spannende im Leben zu erkennen - das motiviert mich. Du kannst mich in jede Kneipe stellen und ich fange ein Gespräch an.

Was würdest du deinem 25-jährigen Ich sagen?

Was würdest du deinem 25-jährigen Ich sagen?

Lebt mehr. Das ist eine Altersgruppe, die sich gerade sehr viele Sorgen um die Zukunft macht. Nur, um es ganz hart zu sagen: Das Leben endet immer mit dem Tod. Aber dazwischen ist das Leben. Und das kommt ganz oft zu kurz.

Was ich noch raten würde: rege dich weniger auf über die Dinge, die du nicht ändern kannst. Es ist vertane Zeit. Und: sei mutig. Trau dich. Es gibt eigentlich dieses Lebensmotto - love it, change it or leave it. Wenn du es nicht ändern kannst und wenn du es auch nicht mehr liebst, dann muss man gehen. Kein Grund zu bleiben ist der beste Grund zu gehen. Ich zitiere den großen Philosophen Roland Kaiser. (lacht)

Was möchtest du der Welt hinterlassen?

Was möchtest du der Welt hinterlassen?

Was ich der Welt hinterlassen möchte, ist ein gut erzogener Junge, der stark im Leben steht und seinen Weg gehen wird. Das ist ehrlich gesagt das Einzige. Und alles andere - nochmal: who cares Melanie Wendling? Das ist wirklich so vermessen. Da denke ich überhaupt nicht dran.

„Was ich der Welt hinterlassen möchte, ist ein gut erzogener Junge, der stark im Leben steht. Das ist das Einzige. Who cares Melanie Wendling?"